Christian Kreienbühl

DAS GROSSE INTERVIEW MIT CHRISTIAN KREIENBÜHL

Markus Roth stellte Christian neun Fragen zu Stockbrüchen, Achilles und seinen Zielen im 2017.

1. Christian, wie viele Stürze und Stockbrüche gab’s bei deiner ersten Teilnahme am „Engadiner"?

Weder noch! Aber ich bin an beidem einige Male nur knapp entkommen. Meines Wissens habe ich auch keiner/keinem anderen einen Stockbruch zugefügt oder habe sie/ihn zum Stürzen gebracht. Das ist mir gerade als erfahrungsloser Erstling beim Engadiner auch wichtig. Im Training bin ich natürlich öfters gestürzt – das gehört dazu. Glücklicherweise ist dem Material (und mir) nie etwas Ernsteres passiert.

2. Bist du mit deiner Zeit von 1.47.58  zufrieden? Ist immerhin 26 Minuten schneller als dein bester Strassenmarathon, chapeau!

Ich bin sehr zufrieden! Es “lief” hervorragend. Wie bei den Marathons zu Fuss konnte ich auf der zweiten Hälfte viele andere Athleten überholen – da kam mir mein ausdauernder „Motor“ zu Gute.

3. Deine Partnerin war 1 Min. 09 Sek. schneller. Sie hat wohl die bessere Technik oder profitierte sie von einem top Wachs?

Sie ist nicht nur schneller gelaufen als ich, sondern hat sich auf dem tollen 37. Rang platziert (von gut 2000 Frauen). Meine „Niederlage“ auf das Material oder den Wachs zu schieben wäre natürlich eine einfache „Ausrede“… Aber diese brauche ich nicht, denn sie läuft wirklich gut und ich bin sehr stolz auf sie! Als Bündnerin betreibt sie Langlauf, seit sie gehen kann. Ihr Vater ist Langlauflehrer und ihr Bruder als Weltcup-Langläufer im B-Kader von SwissSki. Ausserdem hat sie (neben ihrem Arbeitspensum!) diesen Winter auf den Skis fast so viel trainiert wie ich. Valentina hat also nicht nur eine Top-Technik, Top-Material und Top-Wachs, sondern ebenso eine Top-Form!

4. Mal ganz ehrlich, auf einer Skala von 0 bis 100. Wie hart ist ein „Berlin Marathon“ verglichen mit einem „Engadiner" auf Skiern?

Der Berlin Marathon war eine 100. Der Engadiner eine 75. Aber auf den Skiern ging es für mich ja nicht um eine Olympia-Limite… Insgesamt ist das Langlaufen generell viel schonender für den Bewegungsapparat. Man kann vom Trainingsumfang (stundenmässig) mehr trainieren als mit Laufen – das gefällt mir.

5. Zurück zum Laufsport und zu deiner Gesundheit: Wie geht’s der Achilles? Eine Physio-Übung, auf die du nicht mehr verzichten kannst? Ein Tipp an unsere Läuferinnen und Läufer?

Danke, es geht mir sehr gut im Moment! Ich konnte in letzter Zeit mein Laufpensum ständig steigern. Erste Longruns und Bahntrainings habe ich ebenfalls wieder absolviert. Natürlich begleitet die Phase nach der Verletzung eine leichte Unsicherheit, ob die Sehne „hält“, aber das ist normal und kenne ich von einer früheren Verletzung im 2014.

Nicht mehr verzichten kann ich auf eine spezifische „Übungs-Choreographie“, einer Mischung aus Stretching, Krafttraining und Yoga. Diese Abfolge habe ich von meiner Physiotherapeutin (und Albis Reisen Laufguide) Giulia Hossmann erhalten und gehört nun zu meiner (fast) täglichen Routine.


6. In den Wintermonaten trainieren Ausdauersportler ja sehr viel im Grundlagenbereich. Konntest du eine gute Basis auch auf den Langlaufskiern legen? Wie viele Kilometer bis du gelaufen pro Woche?

Genau das war die Idee des Langlauftrainings, eine gute Grundlagenausdauer zu legen für die harten Trainings im Sommer und den Marathon im Herbst. Ob sich dieser Weg bewährt, wird sich zeigen. Bis jetzt habe ich ein gutes Gefühl.

Von Mitte Dezember bis Mitte Februar bin ich in 2 Monaten 2222 km gelaufen. In einem 4wöchigen Trainingslager im Engadin habe ich im Schnitt täglich einen Marathon zurückgelegt – zusätzlich zum zunehmenden Lauftraining.

7. Wann werden wir dich erstmals aktiv an einem Laufsport-Event in der Saison 2017 sehen?

Ich werde im Mai voraussichtlich mit meinem Verein, dem TV Oerlikon, an der SOLA-Stafette teilnehmen. Die Wettkampf-Planung danach ist „rollend“, denn ich möchte mich nicht durch Wettkämpfe unter Druck setzen. Im Moment ist es wichtiger, auf den Körper zu hören und den Weg zurück in den (Lauf-) Trainingsalltag zu finden. Ein Fixpunkt ist allerdings der Marathon im Herbst. Die Stadt und das genaue Datum kenne ich jedoch noch nicht.

8. Wie hoch ist dein Ruhepuls, wie hoch dein max. Puls und in welchem Bereich bist du durch die Engadiner-Landschaft geskatet?

Mein Ruhepuls liegt bei ca. 44 Schlägen pro Minute. 186 ist der maximale Puls im Rahmen meines letzten Leistungstests. Den Engadiner habe ich mit einem Durchschnittspuls von 170 absolviert – also knapp unter der anaeroben Schwelle.

9. In der Läuferszene liest man aktuell vom Projekt #Sub2 im Marathon. High Tech ist angesagt und als flache Strecke wurde die Formel 1 Strecke von Monza auserwählt. Kipchoge der aktuelle Olympiasieger aus Kenya wird ihn zusammen mit weiteren auserwählten Läufern anpeilen. Ist es aus deiner Sicht möglich 42km im 2:50 min/km Schnitt zu laufen oder geht’s hier nur um einen Werbegag des Sportartikelherstellers?

Wenn ich mir überlege, dass ich im 2:50 min/km Tempo etwa 5 Kilometer laufen könnte und danach komplett übersäuert am Strassenrand stehen würde, ich aber etwa den gleichen Trainingsplan und die gleichen Umfänge absolviere wie Eliud Kipchoge (einfach langsamer), dann wirkt es für mich auf den ersten Blick unmöglich.

Wenn ich hingegen sehe, wie „unprofessionell“ die Topathleten aus Kenia und Äthiopien die grossen Stadtmarathons laufen, dann bin ich dennoch sicher, dass der Weltrekord schon bald um einiges verbessert wird. Da gibt es noch viel Potential, zum Beispiel in den Bereichen Renneinteilung, Pacemaker / Windschatten-Laufen, Verpflegung und Material.

Ob jedoch der Weltrekord jemals unter die zwei Stunden gedrückt wird? Ja, ich denke, dies ist grundsätzlich möglich. Beispielsweise abwärts mit Rückenwind und mit Carbon-Federn in den Schuhsolen. Sobald der Zweistunden-Marathon geschafft ist, werden sich die Diskussionen um genau diese „nach Reglement erlaubten“ und „nicht-erlaubten“ Grauzonen drehen. Egal ob, wann und wie #Sub2 gelaufen wird: Ich frage mich, ob dieser PR-Stunt (mit dem Ziel möglichst viele Schuhe zu verkaufen) dem Sport (oder dem Athleten) dient – in einer Zeit, wo genau diese Mess- und Vergleichbarkeit für die Zuschauer langweilig wird, wo die Dopingproblematik in der Leichtathletik (und in den meisten Ausdauer-Sportarten) leider nicht einmal ansatzweise gelöst ist und wo Athleten aus Ländern (Kenia, Äthiopien) antreten, bei denen letzten Endes gar keine Dopingkontrollen stattfinden.

Herzlichen Dank für das Interview Christian. Wir wünschen dir „all the best im 2017“ ! 

Vielen Dank für die interessanten Fragen und ebenso alles Gute im 2017!